Den eigenen Gedanken wieder trauen

10.10.2014

Zum Welttag der seelischen Gesundheit (10.10.): Schizophrenie beeinträchtigt alle Lebensbereiche. Viele Betroffene wissen nicht, wo sie passende Hilfe finden. Eine Reha-Maßnahme, die medizinische, soziale und berufliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt, war für Roman E. der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.


An der Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke in Karlsbad (RPK) der SRH trainieren die Teilnehmer zum Beispiel in der Holzwerkstatt ihre handwerklichen Fähigkeiten und die Kommunikation mit anderen.

Im Jugendalter begann sich für Roman E. die Welt zu verändern. Für viele ist die Pubertät eine schwierige Zeit, aber für ihn kamen noch andere Hürden hinzu. Er hatte das Gefühl, dass alle über ihn redeten, in der Schule, auf der Straße, im Bus. Ständig hörte er ihr Getuschel, fühlte sich kritisch beobachtet, manchmal wie ferngesteuert, ausgegrenzt und wertlos. Tief innen hatte er manchmal Zweifel an seiner Wahrnehmung, doch er konnte sie nicht abschalten. Auf sein Denken, seine  Konzentration und sein Gedächtnis konnte er sich nicht mehr verlassen. Als Verunsicherung und Ängste zunahmen, zog er sich mehr und mehr zurück. Roman E. war erst 15 und hatte noch nie etwas von paranoider Schizophrenie gehört. Geschweige denn, wo er Hilfe findet.

„Gerade so habe ich mich bis zum Schulabschluss durchgekämpft und dann mit Jobs über Wasser gehalten. Aber die Beschwerden wurden immer schlimmer“, sagt der heute 25-Jährige. Jeder Gang unter Menschen war ein Kraftakt. Wie schlecht es ihm ging, behielt er für sich. Ähnlich geht es etwa 800.000 Menschen in Deutschland. Schizophrenie verändert die Verarbeitung von Botenstoffen im Gehirn, die Betroffenen können ihren eigenen Gedanken und Wahrnehmungen nicht mehr trauen und ihre soziale Rolle nicht mehr erfüllen. Freunde und Familie reagieren oft mit Unverständnis. Doch die passende Therapie beruhigt das Chaos im Kopf. Darauf macht am 10. Oktober der Welttag der seelischen Gesundheit aufmerksam.

Mit Unterstützung seines Bruders fand Roman E. schließlich Behandlung und Hilfe in einer Klinik. Doch um sein Ziel, endlich eine Ausbildung zu machen, zu erreichen, brauchte er besondere Unterstützung. In einer medizinisch-beruflichen Rehabilitation speziell für psychisch kranke Menschen fand er seinen Weg. „Viele Betroffene wissen nicht, wie sie wieder belastbar und leistungsfähig werden können. Für rein berufliche Reha-Maßnahmen sind sie oft noch nicht ausreichend belastbar. Wichtig ist die Gleichzeitigkeit von  medizinischer Behandlung, psychologischer und sozialpädagogischer Begleitung. Sie  erhalten soziales Training und eine Arbeits- und Berufstherapie mit langsam steigenden Anforderungen“, sagt Dr. Regine Müllensiefen, Leitende Ärztin der Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke (RPK) der SRH in Karlsbad.

Eine RPK unterstützt psychisch kranke Menschen auf dem Weg zurück in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben. In Baden-Württemberg gibt es etwa 160 Plätze, 50 davon in Karlsbad. Über seine Ärzte erfuhr Roman E. vom Angebot der RPK. Zunächst wurden seine Medikamente optimal eingestellt. „Die Medizin schafft aber nur die Basis, wichtig ist die Arbeit an sich selbst. Durch Gespräche und Arbeitsaufgaben habe ich Strategien gelernt, mit Krisen umzugehen und in einer Ausbildung am Ball zu bleiben“, sagt Roman E.  Die Gemeinschaft mit anderen, denen es ähnlich ging, gab ihm zusätzlich Sicherheit.

Heute macht Roman E. eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Die seltsamen Gedanken sind weg, auch wenn der Alltag manchmal noch schwerfällt. „Wer einen Autounfall hatte, muss sich auch erst langsam wieder ans Fahren gewöhnen. Ich hoffe, ich kann irgendwann wieder so unbeschwert sein wie früher.“ Zumindest ist er auf dem Weg dahin. Für Roman E. ist die Welt heute wieder eine andere – im positiven Sinn.